FDP Tiergarten

10.10.2010

Staatsoper - Sanierung oder Neubau?

Ein Kommentar von Dr. Kurt M. Lehner

Der Wettbewerb zur Sanierung der Staatsoper endete überraschend: Trotz der Vorgabe, den an Knobelsdorff orientierten Paulick-Saal möglichst zu wahren, wurde der radikal moderne Entwurf von Klaus Roth preisgekrönt.

Der LFA Kultur forderte nahezu einmütig "einen Saal, der das historische Ambiente des Hauses und des Bauensembles im Umfeld der Oper berücksichtigt. Der neugestaltete Zuschauerraum muß sich stilistisch in den Bau einfügen. Die wünschenswerten Verbesserungen in Akustik und Sichtverhältnissen sollen unter dieser Vorgabe gelöst werden." Das entspricht der sonst unbestrittenen Forderung nach Kongruenz von Innen- und Außenbau. Denkmalpflege und Ambiente sind als schützenswerte Kulturgüter mindestens gleichrangig zu beachten. Oper ist als Gesamtkunstwerk anzusehen, das nicht nur aus Musik oder Theater besteht: Sie ist immer auch gesellschaftliches Erlebnis, das Architektur und Ambiente einbezieht.

Die FDP-AH-Fraktion hielt später dagegen "eine bauliche Veränderung ... des Opernsaals und damit ein Eingriff in die denkmalgeschützte Substanz notwendig. Diese Eingriffe in das historische Gebäude sollen im Sinne einer bauhistorischen Ehrlichkeit auch erlebbar und erkennbar sein. Dafür ist es wichtig, insbesondere die Teile des Opernhauses, die erhalten bleiben, in Beziehung zu den neuen Bauteilen zu setzen und für den Besucher beides, auch in seinem Gegensatz, erfahrbar zu machen." Die Fraktion will, "daß die Staatsoper nach ihrem Umbau alle Vorraussetzungen besitzt, um international bestehen zu können. Dafür braucht Berlin eine Staatsoper mit exzellenter Raumakustik und guten Sichtbeziehungen von jedem Sitzplatz".

Nach dieser Logik müßte allerdings die Deutsche Oper das erste Haus am Platze sein, während die Staatsoper längst zu einem Krisenhaus hätte werden müssen. Das ist offenkundig nicht der Fall. Kulturstaatssekretär Schmitz lehnte den Roth-Entwurf deshalb ebenso ab wie die "Freunde der Staatsoper", die ihre 30-Millionen-Euro-Zusage für die Renovierungskosten für den Fall der Umsetzung des Roth-Entwurfes zurückzuziehen drohten. Während Staatsopern-Chefdirigent Barenboim sich für Roth aussprach, wendeten sich die Sänger Theo Adam und Peter Schreier vehement dagegen. Zusammen mit zahlreichen anderen Prominenten unterstützten sie den Appell "Staatsoper sanieren, nicht zerstören!"

Schon im späten 19. Jahrhundert erschien die Lindenoper spätromantischen Orchestergrößen und Klangvorstellungen nicht mehr angemessen. Man entschied sich damals für einen separaten Neubau. Die Teilung Berlins führte schließlich dazu: Die Deutsche Oper an der Bismarckstraße ist das gewünschte moderne Haus.

Akustik ist nicht zuletzt eine Modefrage: Was für Wagner-Opern ungünstig ist, kann für Barock und Klassik sinnvoll sein. Wäre daher es nicht sinnvoller, beide Häuser organisatorisch so zu verbinden, daß Barenboim auch mal in der Bismarckstraße moderne Akustik nutzen darf, und umgekehrt die Deutsche Oper den trockeneren Klang des alten Hauses Unter den Linden? Bergen so unterschiedliche Säle nicht eine kulturelle Chance? Michael Bienert in der Stuttgarter Zeitung: "Niemand käme auf die Idee, von einem Hammerklavier zu verlangen, daß es wie ein moderner Konzertflügel klingt." Und: "Langfristig macht es wenig Sinn, in den Barockbau einen zweiten modernen Saal vom Typ Deutsche Oper hineinzupressen. Paulicks Saal verhält sich dazu wie das historische Konzerthaus am Gendarmenmarkt zu Scharouns Philharmonie." Ulrich Eckhardt, jahrzehntelang Intendant der Berliner Festwochen, meint: "Der Totalabriß des Vorderhauses wäre ein weiteres Beispiel grassierender Geschichtsvergessenheit ... Was Paulick und seine Auftraggeber ... mit sicherem Stilgefühl und gutem Geschmack schufen, verdient Respekt und darf nicht Moden geopfert werden."

Barenboim hat inzwischen zugestanden, daß der Saal eine Verbindung zur Tradition haben müsse. Die Radikalforderung nach Kontrast zwischen historischem Außenbau und Saalneubau ist so nahezu isoliert. FDP-Landesvorstand Nikoline Hansen hat für das Kulturgut Staatsopernsaal plädiert: "Die FDP Berlin fordert, sich bei der Neugestaltung des Saals der Staatsoper am historischen Vorbild zu orientieren. Im Vergleich mit den anderen Berliner Opernhäusern ist das Rokoko-Ambiente der Staatsoper derzeit ein Alleinstellungsmerkmal, das für den Opernfreund nicht unterschätzt werden darf."


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